Vielleicht ist es wirklich so, wie Heiner heute morgen in der Osterpredigt sagte: so wie die Frauen sich erst mutig in das Grab Jesu hineinwagen müssen, um eine Ahnung von der Auferstehung zu bekommen, so müssen auch wir uns manchmal auf die Friedhöfe und in die Gräber unserer Lebenswege wagen, bevor wir wirklich leben können.

Je älter ich werde, desto mehr begreife ich, dass die Wellness- und Lifestyle-Welt, in der ich mich so selbstzufrieden von iPod zu iPad mobil durchnavigiere, keine Antwort auf meine teils schmerzvollen Narben bietet. Mein Herz ersehnt mehr!

An diesem Wochenende habe ich mit vielen von Euch gemeinsam auf den gescheiterten, gefolterten und zu Tode gequälten Christus geschaut, um schließlich seine Auferstehung zu feiern. In Matthias‘ bewegendem Zeugnis seiner Karfreitagspredigt, aber auch in den laut verlesenen Fürbitten aus der Nacht des Wachens und dem Buch der Bitten ging mir gerade die Nähe des mitleidenden Gottes zu Herzen wie kaum je zuvor.

Dass die intensiven Kartage für viele von uns ‚optimale Voraussetzungen‘ für eine so besondere Auferstehungsfeier wie die in kafarna:um heute morgen waren, muss ich wohl kaum erklären 😉

So ist es wohl in unseren Leben, dass wir manch verdrängte Wunde – wenn die Zeit gekommen ist – irgendwann noch einmal ansehen und aushalten lernen müssen, damit sie endlich vernarben und wir wieder leben können. Wie Jesus Christus müssen auch wir gelegentlich hinabsteigen, um auferstehen zu können. Es gibt keine Lebensrücktrittsversicherung, keinen Resetknopf, kein neues Spiel, neues Glück. Es gibt Leben und Tod und Auferstehung und Leben und Sterben und Auferstehung.

Punkt.

Irgendwie auch mit meinem Lebensweg haben die vielen Schlagzeilen rund um die Kirche zu tun, die ich in diesen Tagen und Wochen oft voller Schmerz lese. Leider verwechseln einzelne ‚Vertreter‘ unserer Kirche in der Diskussion um die Missbrauchsskandale immer noch sich selbst mit den Opfern. So etwas zu zu lesen, tut mir sehr weh – auch weil ich mir eingestehen musste, dass ich selbst meine Zeit brauchte, um zu echter Demut zu finden.
Ein kleiner und doch unendlich wichtiger Trost ist mir in diesen Tagen, dass mein und unser Bischof Heinrich Mussinghoff sich sowohl in Briefen an uns SeelsorgerInnen als auch in seinen Predigten am Osterwochenende entschieden für eine mutige Aufklärung einsetzt und alle Opfer von Missbrauch und Misshandlung im Namen der Kirche um Verzeihung bittet. Die deutschen Bischöfe sind mehrheitlich auf einem Weg, der mir Hoffnung macht: die Kirche bittet um Verzeihung.

Wir sind doch die ‚Lasst-die-Kinder-zu-mir-kommen-Kirche‘ und müssen in diesen Tagen voller Scham, demütig und in Angst um unsere Zukunft auf die Friedhöfe und in die Grabhöhlen unserer kirchlichen Lebenswege, bevor wir hoffentlich wieder leben dürfen. Missbrauch und Misshandlung von Kindern und Jugendlichen waren das Werk einzelner Menschen. Aber die machtvolle Position ihren Opfern gegenüber erhielten sie aus der Autorität unserer Kirche. Und so weh es tut, das nachzuvollziehen: es ist diese große und starke Institution Katholische Kirche, die sich selbst wichtiger als die Opfer und vor diesen in Schutz nahm.
Die gleiche Kirche, die mir die wundervolle Chance gegeben hat, als Seelsorger zu arbeiten und mein Leben und mein Auskommen zu verdienen, indem ich Hoffnung zu verschenken mich mühe, die gleiche Kirche hat so viel Mitschuld auf sich geladen. Mein Leben, mein Tun, kafarna:um und so viele andere mir kostbare Dinge gäbe es eben auch nicht ohne diese Kirche – das zusammenzuhalten ist nicht leicht in diesen Tagen.

Gottes Geschichte mit seinem Volk ist eben doch keine Erfolgsstory, sondern eine immer wieder neue Geschichte von Scheitern und Neubeginn. Bitte betet mit mir um Heilung für alle Opfer von Misshandlung und Missbrauch. Um Demut und Weisheit für alle Menschen in Kirche, die kleinen und die großen Tiere. Und bitte betet mit mir um Vergebung für alles Leid, das unter dem Zeichen des Kreuzes Menschen angetan wurde.

Eins aber ist sicher: diese Tage sind keine dunklen Tage für das Volk Gottes. Es sind vielleicht die lichtesten und hellsten Tage, die wir seit langem erlebt haben. Denn Licht scheint in die Dunkelheit! Finsternis ist, was geschah und nun ans Licht kommt!

Die Kirche und die Christenheit werden schwere Narben davontragen. Aber es sind nicht die vernichtenden Anklagen und Medienberichte, in denen einige wenige Betonköpfe noch immer das Unheil glauben. Nein, es sind die Wunden an den Seelen der Opfer, in denen wir die Wundmale unseres Herrn erkennen müssen.

Beten und handeln wir, dass sie durch das Brechen des Schweigens und Vertuschens vielleicht ein wenig heilen können. Schwere Narben werden ihnen bleiben und für lange Zeit auch die Narben der Kirche und der Christenheit sein. Trauen wir uns nicht nur auf unsere persönlichen Friedhöfe sondern auch in die Grabhöhlen unserer Kirche und aller unserer Lebenszusammenhänge hinein – für den Weg zur Auferstehung gibt es keine Abkürzung wegen Wartungsarbeiten.

Liebe Gemeinde von kafarna:um – hier in Aachen und irgendwo da draußen in der Welt!

Christus ist auferstanden und geht uns voraus nach Emmaus. Er segne Euch in Vollmacht mit der Kraft seiner liebenden Nähe. Er heile und beschütze Euch auf Eurem Weg. Er gebe sich Euch im rechten Moment zu erkennen und mache Euch zu Zeugen der Güte Gottes!

Aachen im April 2010, Euer