Meine Kirche ist Open Source – ein Reisebericht

Im Frühjahr 2011 besuchte Christian Schröder aus Trier die Hauskirche kafarna:um und berichtete darüber im wundervollen manna magazin. Mithilfe einiger technischer Daten, die wir ihm zulieferten, wurde daraus der folgende Artikel, der dann Teil einer Buchveröffentlichung unter dem Titel „Gottes Sehnsucht in der Stadt – auf der Suche nach Gemeinden für Morgen“ wurde.

Mittlerweile ist etwas schier unglaubliches passiert: Christian hat sich nach seinem Besuch bei uns (und einigen anderen Gesprächen) entschieden, Pastoralreferent in Aachen werden zu wollen. Seit 2012 ist er Pastoralassistent in der Citykirche. Ab Sommer 2013 wird er als Nachfolger von Florian Sobetzko die Leitung der Jugendkirche übernehmen. Aber zurück zum „ersten Mal“ 😉

„Meine Kirche ist Open Source“

Die Jugendkirche kafarna:um in Aachen nimmt für sich in Anspruch, eine alternative Jugendkirche zu sein. Und tatsächlich gibt es bedeutende Unterschiede zu den meisten anderen Projekten, die sich als Kirche von und für Jugendliche verstehen. Ein Erfahrungsbericht.

Mitten in der Aachener Innenstadt, nur einen Steinwurf weit weg vom altehrwürdigen Dom, liegt kafarna:um. So nennt sich ein Jugendkirchenprojekt, auf das ich zufällig im Internet gestoßen war. Da ich zufällig in Aachen bin, will ich mir selbst ein Bild machen. Ich bin nicht angemeldet, klingle einfach so an der Tür des schmucken Stadthauses. Es öffnet mir Fabian, der zwar kurz überrascht scheint, dass da jemand “einfach so” kafarna:um kennen lernen möchte, er führt mich dann aber ohne Zögern in die Wohnküche und bietet mir gleich einen Kaffee an – mit Milch, “die garantiert heute erst geöffnet wurde”.

Grundriss kafarna:um Hauskirche

Grundriss kafarna:um Hauskirche

kafarna:um hat wenig gemeinsam mit den Jugendkirchenprojekten, die mir bisher begegnet sind. Der erste Unterschied besteht darin, dass hier nicht eine nicht mehr benötigte Pfarrkirche “für die Jugend” umfunktioniert wurde. kafarna:um ist eine Hauskirche, man könnte auch sagen, eine WG-Kirche. Mit Wohnküche, Arbeitszimmer, Lounge im Keller, einer Hängemattenwiese und dem „Heiligtum“, dem Gottesdienstraum. Ihre Anfänge waren noch wesentlich bescheidener. Auf 29qm und uraltem Linoleumboden eines leerstehenden Büroraums hat alles angefangen. Im Frühling 2007 beschlossen 10 hoffnungsvolle Jugendliche und ein humorvoller Pastoralreferent, dass dies ihre Kirche werden sollte. Im Windschatten der ausgehenden schweren Finanzkrise des Bistums und der Pfarreien entwickelte sich auf fußwarmem Klickparkett zwischen Taizédekoration und einem uralten Fender Rhodes Epiano eine junge Gemeinde, die wöchentlich wuchs, gewissermaßen eine Mikrojugendkirche. In der innerstädtischen Nachbarschaft von Kneipen und Kaffeehäusern konnte es in Gebeten und Gottesdiensten überraschend still sein, auch wenn es draußen hinter den einfachverglasten Altbaufenstern eigentlich nie leise wurde. Schon ein Jahr später zog kafarna:um im selben Gebäude in die jetzigen, größeren Räumlichkeiten um.

Die Gründungsgeschichte kafarna:ums klingt ein wenig nach Guerilla-Taktik. Sie ist nicht in einem Generalvikariat ersonnen und auf dem Reißbrett geplant worden, sondern von unten gewachsen. Dabei formulierten die beteiligten Jugendlichen von Anfang an klare Kriterien, an die sie ihre Beteiligung knüpften. Zentral war dabei der Grundsatz „Es soll nicht scheiße werden“. Dieses nicht nur wegen seiner Negativform nur mittelbar operationalisierbare Kriterium transportierte unter anderem den Wunsch, dass es „mir beispielsweise nicht peinlich sein soll, an der Türe gesehen zu werden“. In ungewohnter Klarheit kommunizierte sich hierin auch der Anspruch, für die Mitarbeit im Jugendkirchenprojekt statt Mitleid eher Zustimmung oder gar Anerkennung zu ernten. Dies mag auch geprägt sein von den Erfahrungen, die manche Jugendliche in ihren Pfarrgemeinden gewonnen haben. Philipp, mittlerweile Abiturient, erzählt, während ich meinen Kaffee genieße, dass er früher Ministrant in einer ‚ganz normalen‘ Pfarrei war. „Mit 13 saß ich dort mit meinem besten Freund unter lauter 10jährigen“. In kafarna:um haben Philipp und die anderen nun eine Gemeinde gefunden, die mit der Jugendkultur und ihrem ästhetischen Bedürfnis kompatibel ist.

Auf die so schon angesprochene kirchliche Krisensituation antworteten die kafarna:um-Gründer mit paradigmatischer Kleinheit: statt einen vorhandenen Sakralraum zur Jugendkirche zu retten, wurde ein kleiner Büroraum genutzt, der halt gerade frei war. Biblisch aktiviert die Jugendkirche die Erzählung von Mk 2,1-12, wo es „im Haus“ so voll ist, dass „selbst an der Türe kein Platz mehr“ ist, so dass der Lahme durchs Dach herabgelassen werden muss. In kafarna:um ist alles so klein und übersichtlich, dass man sich auch alleine oder zu zweit schon sehr wohl fühlt. Eine übersichtliche Jugendkirche, in die man sich auch mal zum chillen bei Kerzenschein zurückziehen kann.

Die Kleinheit hat einen besonderen Charme: sie befreit vom ewigen und meist ernüchternden „Wie viele?“ zum beherzten „Wie geht es Dir?“ – ein echter Wachstumsfaktor. Während der Gründerjahre beantwortet kafarna:um keine Fragen zur Besucherzahl. Darin liegt ein echter Bewusstseinswandel dieser jungen Gemeinde im Vergleich zu mancher alteingesessenen, wo man allzu oft hört, es seien leider nicht mehr so viele da wie früher. Für kafarna:um folgt daraus allerdings kein behagliches Einrichten im Nischendasein, denn es gibt eine weitere Parallele zum Gründungsevangelium Mk 2,1-12: der Lahme wird dort von seinen Freunden zu Jesus gebracht, der eben darin den Glauben des Kranken erkennt. Auch nach kafarna:um kommen Jugendliche und junge Erwachsene zunächst vor allem, weil sie von begeisterten FreundInnen mitgebracht werden. Für große Werbeaktionen gibt es keine Ressourcen. Ein kleines, aber sehr wichtiges Detail: Jugendliche können Ihre FreundInnen mit nach kafarna:um bringen, weil sie einen Schlüssel zur Jugendkirche haben. „kafarna:um ist offen, wenn Du es öffnest“. Wer einen Schlüssel in die Hand bekommt, sieht das als Vertrauensbeweis und fühlt sich verantwortlich für „seine“ oder „ihre“ Kirche.

Grundriss kafarna:um Bürokirche

Grundriss kafarna:um Bürokirche

Ein wesentlicher Anstoß zur Gemeindegründung ging von einigen TaizéfahrerInnen aus, die auch daheim in Aachen ihre Erfahrung aus Burgund weiterleben wollten. Bis heute ist das Taizégebet am Donnerstagabend ein Fixpunkt im Gemeindeleben. Darüber hinaus wird etwa einmal monatlich Eucharistie gefeiert sowie einmal im Monat mit dem service:intervall eine Agapefeier, die von Worshipmusik und Bibelteilen geprägt ist. In den geprägten Zeiten gibt es mit der Dankstelle (Frühschicht) eine besondere Andachtsform. Durch die Christmette an Heiligabend, sowie die Kar- und Ostertage werden besondere Tage des Jahres auch besonders gefeiert. In den vielen Gebeten und Gottesdiensten sieht auch die 17-jährige Thanh, die in der gemütlichen Wohnküche auf einem Mac herumsurft, den Hauptunterschied zu einem normalen Jugendzentrum. Die meisten Leute kommen am Donnerstag zum Gebet und sitzen anschließend noch zusammen. Aber das Leben in kafarna:um geschieht nicht nur um die Highlights herum. “Es ist eigentlich immer jemand da. Deshalb fühle ich mich hier zu Hause”, sagt Thanh. Es ist nur konsequent, dass es seit dem Jahr 2009 auch eine Hauskirchenfirmung gibt, nachdem einige Jugendliche sich gemeinsam mit dem Jugendseelsorger vorbereitet hatten. Dort, wo sie hauptsächlich Kirche leben und erfahren, wollen sie auch das Sakrament empfangen, das ihre Initiation in den christlichen Glauben formal vollendet.

Für Fabian, der mir nach dem Kaffee eine kleine Wohnungs-/Kirchenführung gibt, spielt eine große Rolle, dass man unkompliziert eigene Ideen verwirklichen kann. Begeistert erzählt mir der 23-jährige Student der Elektrotechnik, wie sie das Sonnendeck im Hof bei der 72-Stunden-Aktion selbst hergerichtet haben oder wie die Pläne für das Tonstudio im Keller aussehen. Ob jemand das Altarbild im Gottesdienstraum umgestalten, die iMac-Station mit Skype-Anschluss in der Diele installieren oder einfach eine Filmnacht organisieren will – rasch werden Mitstreiter gesucht, die das Projekt in die Tat umsetzen wollen. kafarna:um ist eine Open-Source-Kirche. Jeder kann zur Optimierung oder – in diesem Zusammenhang vielleicht passender – Verlebendigung der Gemeinde beitragen. Dementsprechend schick kommt denn auch beispielsweise die Kommunikation nach innen und außen daher. So arbeitet kafarna:um mittlerweile intensiv und nachhaltig mit den Medien des Web 2.0: Blogbeiträge werden standardmäßig und automatisiert in die Sozialnetzwerke facebook, Twitter und StudiVZ „crossgepostet“, immer wieder überrascht die junge Gemeinde mit youtube-Spots oder Newsletterformaten, die man sonst nur aus kommerziellen Kontexten kennt – die Mischung aus SchülerInnen, Studierenden, E-Technik-Freaks, Musikern, Malern, Sportlern und Computernerds macht vieles möglich.

Diese Dynamik, die kafarna:um von Beginn an kennzeichnete, sorgte bei manchen Außenstehenden dafür, den GründerInnen von Anfang an eine gewisse Selbstüberschätzung zu bescheinigen. Vielleicht nicht einmal ganz zu unrecht. Wie kommen die jungen Leute dazu, sich mit ihrem Büdchen als Jugendkirche zu betiteln und das im Web auch gleich mit den Adressen jugendkirche-aachen.de und jugendkirche.de groß kundzutun?

In einigen entscheidenden Punkten hat sich diese Sichtweise aber mittlerweile offenbar geändert. Denn gegen den anfänglichen Trend und zahlreiche Bedenkenträger wird kafarna:um heute als eine Gemeinde anerkannt. In der seit 2010 fusionierten Pfarrei Franziska von Aachen erhielt kafarna:um neben den alteingesessenen Gemeinden und früheren Pfarren ebenfalls Gemeindestatus. Im gleichen Jahr wurde kafarna:um auch offiziell als eine Jugendkirche im Bistum Aachen anerkannt und wird unter anderem für Projekte der Öffentlichkeitsarbeit, der Schulseelsorge und musikalische Aktivitäten in den Bereichen Jazz und Worshipmusik intensiv durch das Bischöfliche Generalvikariat Aachen gefördert. Wie andere Gemeinden hat kafarna:um mittlerweile ein Gemeindeteam als Leitungs- und Mitbestimmungsgremium. Auf diese Weise hat man eine kreative Lösung gefunden, wie die überall in Deutschland vollzogenen Strukturveränderungen nicht lediglich dem Prinzip der Territorialpfarrei folgen müssen. Eine neue Initiative wie kafarna:um wird so nicht nur als „Gruppe“ einer bestimmten Pfarrei zugeordnet, sondern als eigenständige Ausdrucksform des Kircheseins anerkannt. Dies ist vor allem auch deshalb bedeutsam, weil so auch eine ungewöhnliche Antwort auf das Problem gefunden wird, wie man der unterschiedlichen Sozialstruktur und Aktivität der jeweiligen Gemeinden Rechnung tragen kann. Reine Gläubigenzahlen dürften kaum Aufschluss über die Lebendigkeit einer Gemeinde geben. Zahlenmäßig ist kafarna:um die kleinste Gemeinde der Stadt, aber lebendig ist sie. Unter dem Dach der Gesamtpfarrei für die Aachener Innenstadt entsteht so ein Raum, der Einbindung in und Anbindung an das Leben der Diözese und damit die ganze Kirche gewährleistet, gleichzeitig aber klein genug bleibt, um echte Beziehungen untereinander zu ermöglichen.

Die Übersichtlichkeit kafarna:ums führt dazu, dass sich hier auch junge Menschen angezogen fühlen, die sich in anderen und unübersichtlicheren Gemeindekontexten nicht so leicht niederlassen könnten. Zudem wirbt kafarna:um mit seiner Inklusivität – „Bunte Menschen willkommen“ steht in Regenbogenfarben auf der Homepage. Das ist ein „Marktvorteil“, wo Kirche sich gelegentlich eher durch starke Filter eigentlich wundervolle bunte und kreative Menschen vom Leibe hält, die anderswo nicht passen wollen. Zugleich macht es die junge Gemeinde zu einem sehr anspruchsvollen seelsorglichen Feld mit Platz für Verrückte und seitlich Umgeknickte.

Die Jugendlichen in kafarna:um sind im positiven Sinne unverschämt und erlebten sich anfangs ähnlich wie frühchristliche Gemeinden in den ersten Jahrhunderten oder wie die Gemeinde der Apple-User um den Jahrtausendwechsel: als wissende Minorität, die sich von einer unverständigen Majorität umstellt erlebt. Der Gegenwind schärfte das Profil und beflügelte.

Dem Jugendkirchenprojekt tat die Infragestellung so gut wie die Not, die Gelder für Renovierungsmaterialien wie für Gottesdienste zunächst mal selber besorgen und Sponsoren finden zu müssen. Vom gewachsenen Selbstbewusstsein der Gemeinde zeugt etwa die seit einigen Monaten durchgeführte „Meine Kirche“-Kampagne, die noch manches ekklesiologische Traktat bereichern könnte. Begleitet von den entsprechenden Bildern und Videos heißt es da: „Meine Kirche lacht mich an“, „Meine Kirche ist verliebt“ oder gar „Meine Kirche ist die schönste“. Für die jungen „KirchengründerInnen“ ist es wichtig, etwas neues, vielleicht revolutionäres zu probieren, zu arbeiten, als hätte es so etwas Verbotenes noch nie zuvor gegeben – die erste und ganz große Liebe.

Kafarna:um hat vieles, was gute Apps auch haben. Die Idee ist so verblüffend einfach, dass man sich dauernd fragt, warum keiner früher darauf gekommen ist. Natürlich handelt es sich bei einer Hauskirche nicht um ein völlig neues Projekt in der Christentumsgeschichte, sondern eher um ein vergessenes. Außerdem ist die Benutzeroberfläche kafarna:ums schlicht, ohne überflüssigen Schnickschnack und Effekthascherei. Die Technik dahinter scheint aber, zumindest nach meinem kurzen Eindruck von außen, wunderbar zu funktionieren. Es ist schwierig zu schätzen, wie viele Menschen zu kafarna:um gehören. Einige schauen nur ab und zu vorbei, manche haben dort ihr zweites Zuhause und halten den Nachmittagsschlaf auf der Couch in der gemütlichen Lounge, wieder andere werden während des Gottesdienstes per Skype aus ihrem Auslandsjahr in Mexiko zugeschaltet, um den Schrifttext auszulegen. Als ich mich von Fabian, Thanh, Philipp und den anderen netten Menschen in Kafarnaum verabschiede, denke ich noch, dass ich mir meine Kirche eigentlich immer so wünschen würde, wie ich sie an diesem Nachmittag erlebt habe. Einladend, an Menschen interessiert, begeisternd. Dann wäre der Slogan “Meine Kirche ist die schönste” weder Kampfparole noch Werbemasche – sondern einfach die Wahrheit.

Christian Schröder