Youtube und Facebook und Eucharistie

Artikel aus der Aachener Zeitung [Stadt / Lokales / Seite 19 vom Fr. 31.08.2012]:

Youtube und Facebook und Eucharistie

Die von Jugendlichen organisierte Hauskirche „kafarna:um“ versprüht WG-Charme. Kommunikation läuft über Internet. Soli-Lauf.

Von Thomas Vogel

Aachen. Was soll das eigentlich bedeuten, „kafarna:um“? Der Name der Hauskirche und Gemeinde, die hauptsächlich von Schülern und Studenten im Alter zwischen 15 und 25 Jahren organisiert wird, wirft erst einmal Fragen auf. Der Ort Kafarnaum ist aus der Bibel bekannt. Ein kleiner Ort, in dem Jesus zeitweise wohnte und wirkte. Viele Menschen zog es zum Gottessohn und so wurde es eng im Dorf. Eine – zumindest tendenziell – ähnliche Begeisterung für den Glauben wollen die Gemeindemacher aus der Nähe des Puppenbrunnens im Hof 7 beim jungen Publikum erreichen. „Jugendliche können mit der klassischen Kirche nicht mehr viel anfangen“, erklärt Gemeindemitglied Flo Etzbach. Große, kalte Räume, in denen nach einem immer gleichen Muster die Messen gelesen werden, könnten nur schwer Enthusiasmus entfachen.

Kirche mit viel Freiheit

Als eine Gruppe Jugendlicher aus Aachen 2007 den französischen Ort Taizé besuchte und sah, wie junge Leute dort bei den Jugendtreffen Kirche verstehen, war der Entschluss schnell gefasst: so etwas muss es auch in der Kaiserstadt geben. Bei Pastoralreferent Florian Sobetzko stieß die Gruppe auf offene Ohren. Er begleitete den Aufbau der Gemeinde federführend. Das Format ist ein anderes, als in der Kirche – Freiheit ist Charakteristikum der Hauskirche, es gibt keine regulären Öffnungszeiten, Programm und Inhalt werden selbst gestaltet.

Zwang ist verpönt, die Mitglieder kommen und gehen, wann sie möchten. Oft liegen Monate zwischen den Besuchen, vor allem bei Studenten, die im Ausland studieren. Ist ein Mitglied der Meinung, dass ein eigener Glockenturm nötig ist, wird die Idee vorgestellt und angepackt. „Es gibt rund 30 Schlüssel, die in Umlauf sind. Schlüssel heißt Verantwortung, das bedeutet, wer einen Schlüssel hat, hat eine Aufgabe“, sagt Flo. Die zu übernehmen, dazu sind viele der Gemeindemitglieder bereit. Über die zahlreichen „kafarna:um“-Aktivitäten gelangen wie von selbst auch neue Mitglieder zur Gemeinde – beim Grillen oder Filmabend. Zwischen 70 und 100 Leute, schätzt Etzbach, sind derzeit in der Gemeinde dabei. Viele von ihnen haben auch den Raum mitgestaltet, in dem die Gemeinde ihre Messen und Gebete feiert. „Raum zum Glauben und Raum, um Glauben zu leben“ findet Flo enorm wichtig. Oder in einer selbstgebauten Küche kochen, oder an einer s elbstgestrichenen weißen Wand zusammen Tatort gucken: „Das ist meiner Meinung nach ein ziemlich cooler Teil von Gott“, meint er.

Spirituelle Angelegenheiten werden ebenfalls in Eigenregie organisiert. Das Taizé-Gebet jeden Donnerstag kann vorbereiten, wer Lust dazu hat. Er trägt sich vorher einfach und unkompliziert in eine Liste ein. Klassische Eucharistiefeiern finden unregelmäßig statt.

Nur „coole“ Pfarrer

Und: „Wir haben keine festen Pfarrer, sondern wir laden Pfarrer ein, die wir cool finden, die gerne herkommen und für die das zur klassischen Kirche auch mal eine Abwechslung ist“, erklärt Etzbach. Taizé-Gruppen gibt es mittlerweile viele. Wer bei „kafarna:um“ Lust hat, fährt bei einer der Fahrradtouren mit, um befreundete Gruppen zu besuchen. Zuletzt war Etzbach mit einigen Kollegen in Erkelenz. Dort hat eine Studentin die Jugendkirche „Buntergrund“ aus der Taufe gehoben. Die Aachener haben kurzentschlossen bei den Renovierungsarbeiten der Räume mit angepackt.

Das neue Mitglied im Kreise der Taizé-Ableger wird auch vom Start von „kafarna:um“ beim Solidaritätslauf für Arbeitslose in der Städteregion am 16. September (11 Uhr) profitieren. 50 Prozent des erlaufenen Geldes sollen als Starthilfe nach Erkelenz gehen. Der Lauf ist in den Reihen der jungen Gläubigen schon Tradition. „Ich hoffe, dass wir dieses Jahr 15 Leute für den Lauf zusammenbekommen“, meint Flo Etzbach. In den vergangenen Jahren habe das immer geklappt. Sie treten nicht nur aus Spaß an, sondern joggen auch der christlichen Werte wegen. Sich für Arbeitslose ins Zeug zu legen ist gelebte Nächstenliebe.

Die zweite Hälfte des erlaufenen Geldes können die Läufer selbst verteilen. 2009 haben sie es zum Start in ihre Gemeinde, „kafarna:um“, gesteckt. Ein Jahr später kam der Vorschlag von einem Gemeindemitglied, das in Mexiko ein freiwilliges Jahr verbrachte. Über das Geld freute sich ein mexikanisches Migrantenprojekt. „Dicker Fisch“, eine Jugendkirche in Langenberg, erhielt im Jahr darauf Unterstützung. In diesem Jahr werden es die Kollegen von „Buntergrund“ sein. Flo Etzbach setzt darauf, dass möglichst viele Menschen in und um Aachen sich an dem Lauf beteiligen. „Wenn schon nicht als Läufer, dann wenigstens als Sponsoren“, sagt er. Und, um es noch deutlicher zu machen, fügt er schmunzelnd hinzu: „Wenn Jesus heute leben würde, würde er garantiert beim Soli-Lauf mitlaufen. Und zwar barfuß, während er sein Kreuz auf dem Rücken trägt“.

Bloßer Anstrich ist das jugendliche Auftreten der Gemeinde auf keinen Fall. „Wir haben keinen gedruckten Pfarrbrief, sondern einen Newsletter. Bei uns läuft die meiste Kommunikation übers Netz“, erklärt der 24-Jährige und nennt als Beispiele den eigenen Internetauftritt, Youtube oder Facebook. Das wissen die jungen Leute einfallsreich nach außen zu tragen.

„Meine Kirche ist 2.0“

„Meine Kirche ist 2.0“, zitiert Flo den Spruch auf einem von vielen Werbekärtchen. Auf den Fenstern zur Altstadt stehen Apple-Computer, die auf ihren Bildschirmen Passanten einen Eindruck der Jugendkirche verschaffen sollen.

Viele der Gemeindemitglieder sind musikalisch. Sie machen christliche Musik, die sich „Worship“ nennt. Die Möglichkeiten dazu sollen im Hof 7 ausgebaut werden. Das nächste Projekt ist bereits ausgerufen: ein gemeindeeigenes Tonstudio.

„Wenn Jesus heute leben würde, würde er garantiert beim Soli-Lauf mitlaufen.“

Flo Etzbach,

Gemeindemitglied

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Quelle:
Aachener Zeitung – Stadt / Lokales / Seite 19
Fr, 31. Aug. 2012
Youtube und Facebook und Eucharistie

Vielen Dank an den Aachener Zeitungsverlag für die Genehmigung, den Artikel auf der Webseite von Kafara:um zu veröffentlichen.